Autobahnausfahrt Dachau – Wohin?

Liebe kritische Geister in kritischer Zeit.

Viele von uns haben den Besuch eines Konzentrationslagers in furchtbarer Erinnerung. Der Ungeist ist vor Ort nahezu greifbar. Die Rampe, deren Bedeutung man aus Archivfilmen zynischer Lagerfotografen kennt, wird plötzlich grausam lebendig. Man scheint den Jammer der Getrennten zu hören und sieht in Gedanken vielleicht die ahnungsvollen Tränen der eigenen Großmutter auf diesen Boden fallen während ihr Mann aussortiert wird. Mich beschleicht, wie wohl jeden von uns, das Grauen, wenn man sich gegen manche realen Bilder nicht wehren kann und nur noch den Fernseher ausschaltet. Was bis zum Eintreffen der Amerikaner oder Russen geschah, bleibt haften.

Eines der weniger bekannten und doch ebenso gnadenlosen Lager von Hitlers Schergen war in Dachau errichtet worden. Die meisten von uns mögen diese Stadt nur als Autobahnabfahrt kurz vor München kennen. Im dortigen Lager wurden jedoch insbesondere Intellektuelle und vor allem katholische Priester aus Deutschland und ganz Europa „interniert“. So galt es, nach dem Überfall auf Polen am 01. September 1939, auch die geistige Elite aus Polen vor allem nach Dachau zu verschleppen und zu liquidieren, um möglichen Widerstand im Keim zu ersticken.

Zum 8o. Jahrestag des Überfalls auf Polen gab der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadiecki, der Wochenzeitung Tagespost ein Interview. Unter anderem sagte er dort: „Das Symbol für das Martyrium des polnischen Klerus bleibt für immer Dachau, wo ungefähr zweitausend Priester starben. Nicht mitgerechnet die Priester, die in ihren Diözesen erschossen wurden“.

Konkret wurden am 6. Oktober 1941 in einer Massenrazzia alle Priester im Landkreis Wielun verhaftet. Unter ihnen auch Ludwik Roch Gietyngier, dessen Gedächtnis die katholische Kirche jedes Jahr am 30. November begeht. Ihm gilt mein heutiger Newsletter, da sein Schicksal mich besonders ergriff. Zudem steht sein Name stellvertretend für alle, welche wegen ihrer christlichen und insbesondere wegen ihrer katholischen Überzeugung zu Tode gequält wurden.

Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer engagierte sich Ludwik Roch Gietyngier besonders als Religionslehrer an Schulen. Er muss nach Erinnerung vieler, die später noch lange von ihm sprachen und schrieben, ein hervorragender Erzieher gewesen sein, der großen Einfluss auf die Jugend hatte. Als Pädagoge und sozusagen als „Musterpriester“ habe er die Jugend ins Herz getroffen und beGEISTert. Dies empfand natürlich Hitlers absolutistisches Selbstverständnis und seine ideologisch verseuchte Staatstheorie als Gefahr.

Nach seiner Verhaftung bei der besagten Razzia am 6. Oktober 1941 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand durch die bewusst grausamen Haftbedingungen. Zusammen mit anderen Priestern wurde er mit der Bahn ins Konzentrationslager Dachau transportiert, ohne dass sie auf der langen Fahrt etwas zum Essen oder Trinken erhielten.

Am 30. November, einen Monat nach der Ankunft im Lager, brach er wegen einer Lebensmittelvergiftung zusammen und wurde bewusstlos ins Krankenrevier gebracht. Dort erwartete Pfarrer Ludwik Roch Gietyngier jedoch keine Pflege sondern der berüchtigte Revierkapo Josef Heider, der als sadistischer Dämon über Leben und Tod der bereits Todkranken herrschte. Obwohl selbst Gefangener in gestreifter Häftlingskleidung, konnte er unter den Blicken der SS seinen teuflischen Hass öffentlich befriedigen. Mitgefangene bezeugten später, dass Josef Heider den bewusstlosen Priester auf den Boden warf. Dann sprang er ihm auf den Bauch… bis Ludwik Roch Gietyngier am 30. November 1941 starb.

Jeder Leser meines Newsletters hat wohl nun seine eigenen ganz persönlichen Gedanken und sein eigenes Ergriffensein. Tragen sie sie bitte lange und immer wieder mit sich herum. Gerne veröffentliche ich diese, ohne Ihren Namen zu nennen.

Gerne danke ich Claudia Kock, welche mir in der Tagespost die „Begegnung“ mit Pfarrer Ludwik Roch Guetyngier ermöglichte.

Mit nachdenklichem Gruß
Wilfried Puhl-Schmidt

2 Antworten

  1. Sehr geehrter Herr Puhl-Schmidt!

    Dieses Schicksal ist ergreifend, wie auch viele Millionen gleicher Schicksale. Für jedes Schicksal könnte ich weinen. Allein meine Tränen reichen dazu nicht.

    Was mich ganz besonders wütend macht:

    Stellen Sie sich das Geschehen hypothetisch im Jahr 2019 vor. Josef Heider ist Russe und Pfarrer Gietyngier würde aus Polen in das Lager Dachau in Russland verschleppt werden. Dort tötet Josef Heider den Pfarrer in der oben beschriebenen Art und Weise. Polen greift Russland an und Josef Heider muss flüchten. Er flüchtet nach Deutschland und stellt einen Asylantrag. Dabei erhält bis zu einem Entscheid über den Asylantrag volle Kost und Logie in Deutschland. Wenn er Glück hat wird er als Asylbewerber anerkannt. Falls nicht, weil den Deutschen Behörden seine Schandtaten in Russland bekannt geworden sind, wird der Asylantrag abgelehnt. Josef Heider kann aber dann nicht nach Polen oder Russland ausgeliefert werden, weil ihm dort eventuell die Todesstrafe droht. Fazit: Josef Heider darf für immer in Deutschland bleiben. Da er durch seine Arbeit in Dachau und die folgende Verfolgung psychisch erkrankt ist, braucht er auch in Deutschland nie wieder arbeiten.

    Das macht mich sehr wütend!

  2. Dachau ist der Inbegriff von den furchtbaren KZs, zumindest für die Bayern und hoffentlich auch viel viele andere. Was sich derzeit abspielt ist das Grauen pur. Auch wer in Yad wa Schem war, wird diesen weiteren Eindruck nie vergessen. Aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass dieser Irrsinn wieder aufflammen könnte.

    Leider werden darüber die islamistischen Probleme vernachlässigt – besser: noch mehr vernachlässigt.

    Herzlich

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